Operation: Kabul ist der neueste Film des französischen Regisseurs Martin Bourboulon, welcher unter anderem für Die drei Musketiere – D’Artagnan und Die drei Musketiere – Milady bekannt ist. Der Film beruht auf dem autobiografischen Thrillerroman „13 jours, 13 nuits“ von Mohammed Bida, welcher als Kommandant der französischen Nationalpolizei bei der chaotischen Evakuierung in Kabul persönlich dabei war. Mohammed Bida war beim Film selbst als Drehbuchautor beteiligt und seine Erlebnisse prägen die Handlung.
15. August 2021: während den von den US-Amerikanern zu hektisch beschlossenen Rückzug, nehmen die Taliban Afghanistan schneller ein als gedacht und stehen bereits vor der Landeshauptstadt Kabul. Die französische Botschaft wird schnell ein Ort der Zuflucht sowie Hoffnung. Kommandant Mohammed Bida (Roschdy Zem) muss mit der Französin Eva (Lyna Khoudri) als Dolmetscherin mit den Taliban verhandeln und in einem Wettlauf gegen die Zeit einen Weg zum Flughafen in Kabul finden.
Das Scheitern der Nato
Operation: Kabul präsentiert dank der Kameraarbeit von Nicolas Bolduc kräftige Bilder. Die Hilflosigkeit der fliehenden afghanischen Bevölkerung, die Überwältigung sowie vermehrte Inkompetenz der westlichen Einsatzkräfte und der rasche sowie schonungslos brutale Aufmarsch der Taliban werden konsequent aufgezeigt und dabei wie ein Schlag in die Magengrube des Publikums inszeniert.
Wer damals die Live-Bilder und Videos direkt aus Kabul auf Social Media verfolgt hat, fühlt sich bei der Sichtung von Operation: Kabul zwangsweise an diese erinnert. Im Abspann des Films finden die „harmloseren“ dieser Bilder Beachtung, was einerseits die Schwere der Handlung untermalt und andererseits die Hoffnungslosigkeit der Afghanen präsentiert. Einzig der Gelbstich als Filter, mit dem Filme, die im arabischen Raum oder Mexiko spielen, sticht als klar erkennbares filmisches Element und Grenze zur Realität heraus und erinnert daran, dass es sich um Fiktion handelt.
Die drei Musketiere waren kein Einzelfall
Schon fast typisch für Martin Bourboulon sowie seine letzten Werke, kann Operation: Kabul optisch stark überzeugen. Die Sets wirken in Verbindung mit den schier unendlichen Menschenmassen und den glaubhaft abgetragenen, staubigen Kostümen lebendig. Gerade das Finale am Flughafen überzeugt mit seinem krassen Kontrast zwischen den Menschen im Flughafen sowie den Schutzsuchenden vor den Toren.
Unterstrichen wird die Glaubhaftigkeit vom Schauspiel. Besonders sticht hier der Protagonist Roschdy Zem hinaus. Seine Erlebnisse sowie die Interaktion mit den Einzelschicksalen, wie denen von Sina Parvaneh als afghanischen Offizier oder Shoaib Saïd als Taliban, der von seinen Kollegen genug hat, prägen das Geschehen von Operation: Kabul und versuchen sich mit dem Wissen des Leids vor Ort zu vermengen.
Die westliche Sicht
Auch wenn Operation: Kabul auf dem Buch von Mohammed Bida und damit seinen Erzählungen beruht, ist es dennoch ernüchternd, dass die Afghanen selbst zu Nebendarstellenden degradiert werden und nur dazu dienen, auf die Tränendrüse drücken zu können und die moralische Entwicklung des Protagonisten zu beschleunigen. Wenn man bedenkt, dass Afghanen am Meisten unter den Taliban leiden, ist das ein kleiner fader Beigeschmack für den Film.
Dass für solch eine Rolle kein Platz vorhanden ist, erscheint den Rezipienten unglaubwürdig. Denn der Regisseur weiß, wie Spannung zu erzeugen ist und Charaktere zu platzieren sind. Und Operation: Kabul bietet im Rahmen der spannungsgeladenen Szenen, wie der direkten Konfrontation mit den Taliban genug Spielraum für eine stärker betrachtete Nebenrolle oder gar eine zweite Hauptrolle. Zumal der Film genug Afghanen in Nebenrollen bietet, die Potential für ein wenig mehr Hintergrund bieten.
Doppeltes Glück
Wer Fan von deutschen Synchronfassungen ist, wird mit Operation: Kabul zufrieden sein. Die Synchronarbeit ist präzise, bis auf einen kleinen Ausreißer glaubhaft, passt sich der Tonlage der Darstellenden an und verzichtet vor allem auf klischeebeladene sowie überzeichnete Akzente, welche alles andere als zeitgemäß sind. Zudem können sich Sammelnde von physischen Medien doppelt freuen, da der Film ein Wendecover bietet, welches das übergroße FSK-Logo versteckt.
Fazit
Operation: Kabul ist alles andere als eine Heldengeschichte, sondern zeigt die Inkompetenz der westlichen NATO-Kräfte in Afghanistan, sowie die Verzweiflung der Einsatzkräfte vor Ort auf. Dabei ist der Film deutlich progressiver, als das Handeln von den USA oder Deutschland (Mittlerweile macht die aktuelle Regierung stolz Politik mit den Taliban), hätte aber trotz Buchvorlage mehr auf die Afghanen eingehen können. Dennoch ist Martin Bourboulons Film eine klare Empfehlung, auch wenn dieser nicht an seine Musketier-Filme heranreicht.