Nebst der Tatsache, dass Halloween und damit auch die Gruselfilmsaison vor der Tür steht, habe ich auch generell gerade wieder ein Verlangen nach Horrorfilmen und bin bereit, auch den kleinen, eher unscheinbaren Filmen im Streamer eine Chance zu geben, da sich unter der erwartbar enttäuschenden Masse oft kleine Perlen und Überraschungen verstecken können. Beim Durchsuchen diverser Streamingdienste bin ich auf Prime Video auf The Vigil – Die Totenwache gestoßen. Doch das Intro von Blumhouse ließ die positiven Erwartungen dämpfen.
Yakov (Dave Davis) hat seine orthodox jüdische Gemeinde in Brooklyn verlassen, versucht sich abseits davon in einer Selbsthilfegruppe sozial zu fassen und nähert sich der Gruppenteilnehmerin Sarah (Malky Goldman) immer mehr an. Doch eines Tages steht sein alter Rabbiner Shulem (Menashe Lustig) vor der Tür und bittet Yakov um Hilfe: Er soll die Totenwache für Rubin Litvak (Ronald Cohen) übernehmen. Doch allein schon die Ankunft ist seltsam, als Frau Litvak (Lynn Cohen) Yakov weg haben will und mit verstreichen jeder Stunde werden die Situationen immer seltsamer.
Verpasste Chancen
The Vigil – Die Totenwache klärt zwar etwas über die Tradition der jüdischen Totenwache auf, bricht hier aber mit der Regel „Show, don’t tell“. Alles wird von dem anfänglichen Text oder dem Rabbiner Shulem bis ins kleinste Detail erklärt, statt dem Publikum diese Tradition zu zeigen. So kann dieses aber auch einfach einen Wikipedia-Text zum Thema lesen und erzielt damit denselben Effekt. Doch das ist ärgerlich, da das Thema der jüdischen Totenwache in westlichen Horrorfilmen eher selten auftaucht, da diese zumeist christlich und wenn überhaupt frei von Religionen orientiert sind.
Zudem nutzt The Vigil – Die Totenwache die namensgebende Totenwache nicht wirklich thematisch um. Der Protagonist Yakov ist zwar bei der Leiche vor Ort, aber der Fokus liegt viel zu sehr auf seinem Privatleben, seinen Traumata oder Flirtversuchen per Telefon. Es gibt zwar Momente, in denen Lampen auf mysteriöse Art und Weise flackern, sich Leichen bewegen, etwas durch den Raum huscht oder Krämpfe den Protagonisten plagen. Doch das erinnert eher an den typischen Geisterbahnhorror gewöhnlich generischer Blumhouse-Filme, der dann auch exakt zur Mitte der Handlung mit der Exposition-Person daherkommt.
Fängt okay an, lässt stark nach
In der ersten Hälfte von The Vigil – Die Totenwache kann die Kameraarbeit von Zach Kuperstein mit dem Fokus auf Center Framing überzeugen, wodurch auch echte Atmosphäre aufkommt, da es kein Entkommen vor dem Grauen zu geben scheint. Doch mit Fortlaufen der Handlung unterlässt der Film vermehrt die mittige Ausrichtung, wodurch die Kameraschwenker auch nicht mehr bedrohlich wirken und die Gänsehautmomente sich definitiv in der ersten Hälfte des Films verorten. Gerade, da in dieser noch viel mit Licht und Schatten gespielt wird, bleibt die erste Hälfte von The Vigil – Die Totenwache mehr in Erinnerung.
Die Musik von Michael Yezerski ist mit ihren dumpfen, bassig dröhnenden Klängen, die nur aufgrund der Lautstärke die Jumpscares untermalen das reinste Klischee des Horrorgenre, sorgt aber abseits davon für Langeweile. Und auch die Geräuschkulisse von The Vigil – Die Totenwache greift nur auf das gewöhnliche Repertoire der Horrormottenkiste zurück. Kratzen auf Boden, knacken und klackernde Kiefer lassen alleine keine Gänsehaut mehr entstehen.
Das gehört sich nicht
Ein weiteres Problem von The Vigil – Die Totenwache ist der Protagonist Yakov, der ausschließlich selbstsüchtig seine eigenen Interessen verfolgt und nicht wirklich viel Sympathie erzeugen kann. Das Ding ist, dass sich Yakov vom Rabbiner für die Totenwache bezahlen lässt, sich dann aber bewusst auf Chats am Handy oder ein Nickerchen auf dem Sessel konzentriert. Auch abseits davon bleibt der Protagonist ein inhaltsleeres Blatt, mit dem die Rezipienten nicht wirklich mitfiebern können. Er hat zwar eine traumatische Hintergrundgeschichte, diese fühlt sich aber in ihrer Inszenierung eher als aufgesetzter Katalysator der Handlung als echte Charaktereigenschaft an.
Abseits davon ist das Schauspiel von The Vigil – Die Totenwache nur okay und kann keine emotionalen Reaktionen im Publikum hervorlocken. Gerade Dave Davis als Yakov kann nicht überzeugen und wirkt in den meisten Momenten emotionslosloser und kälter als Arnold Schwarzenegger als Terminator. Der kleine Lichtblick ist hier Lynn Cohen (bekannt aus Die Tribute von Panem – Catching Fire und im Jahr 2020 verstorben) als die alte Frau Litvak, die wie die gute Seele des Films wirkt. Das Schauspiel ist kein Highlight und wird auch nicht Tage in Erinnerung bleiben, aber im Vergleich zur Darstellung der anderen Schauspieler fällt sie dennoch positiv auf.
Fazit
The Vigil – Die Totenwache beginnt zwar mit einer vielversprechenden Prämisse, weiß aber nicht, diese für sich zu nutzen. Stattdessen verkommt der Film leider zum reinsten Blumhouse-Gruselkabinett-Klischee, in dem ein Jumpscare den Nächsten jagt und Twists vorhersehbar werden. Doch das ist schade, da der Film Potential hat und gerade in der ersten Hälfte versucht, kreativ sein zu wollen. Mit ein bisschen mehr Budget und Zeitplanung hätte hieraus vielleicht wirklich ein interessanter jüdischer Horrorfilm werden können, der nicht Hollywoods Mustern folgt.