Der Magier im Kreml
Der Magier im Kreml von Olivier Assayas konnte mich im Kino insgesamt dreimal begeistern (einmal davon in der Pressevorstellung) und zählt für mich zu den kleinen Favoriten des ersten Halbjahrs. Passend zum anstehenden Blu-Ray-Release am 03.07.2026 habe ich den Film erneut gesichtet und war gespannt, ob sich meine Meinung zu dem Werk, welches auf dem gleichnamigen Buch von Giuliano Da Empoli basiert, verändert hat.
Wadim Baranow (Paul Dano) wächst in seiner Jugend im Postsowjetischen Russland auf. Er möchte die neue Realität mit ihren schier unendlichen Möglichkeiten aber nicht nur erleben, sondern mitgestalten. Ein Grund, seiner Karriere als Theaterregisseur Lebewohl zu sagen und von nun an für den Fernsehsender ORT und dessen Chef Boris Beresowski (Will Keen) zu arbeiten. Doch als es darum geht, den unbekannten sowie unscheinbaren Bürohengst und Chef des KGB– Vladimir Putin (Jude Law) – als neuen Präsidenten zu inszenieren und dessen Berater zu werden, ist Wadim nicht nur hellauf begeistert, sondern wird schon bald als der Magier im Kreml bekannt sein.
Eine selbstredend fiktive Buchvorlage
Der Magier im Kreml beruht auf dem gleichnamigen Buch von Giuliano Da Empoli, welches im Jahr 2022 erschien. Bis auf ein paar vereinzelte Unterschiede, von denen einige mehr und die anderen weniger drastisch sind, unterscheiden sich Buch und Film von Oivier Assayas kaum voneinander. Fans der Vorlage dürfte dies freuen, da Passagen immer wieder treffend dargestellt werden, ohne dass es sich wie ein monotones Abfilmen der Vorlage anfühlt. Für ein Buch essentielle Passagen werden im Film verkürzt, während wiederum andere Details mehr Aufmerksamkeit bekommen.
Dabei betont Der Magier im Kreml natürlich, dass es sich um ein rein fiktives Werk handelt und Gemeinsamkeiten mit realen Personen wie Vladimir Putin oder Ex-Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin reiner Zufall sind. Hier kann es sich natürlich auch um eine rechtliche Absicherung handeln, aber Fakt ist, dass Der Magier im Kreml bekannte Fakten und Ereignisse von Putins Aufstieg bis zur Annexion der Krim abarbeitet. Der Tschetschenien-Krieg, das Kontrollieren der Oligarchen oder die Internet-Trollfarmen von Prigoschin (Andris Keiss) sind hier nur ein paar der Themen, die Beachtung finden und Spannung garantieren.
Damit sich der Film mit der Ernsthaftigkeit der Themen nicht wie die nächste Reportage über den russischen Machthaber Vladimir Putin anfühlt, setzt Der Magier im Kreml auf Kapitel, welche von dem Interview zwischen Rowland (Jeffrey Wright) und Wadim Baranow (Paul Dano) eingeleitet werden. Hier kann zudem mehr über Baranows Vergangenheit und dessen Beweggründe erfahren werden. Der Tenor für die nächsten Szenen wird gesetzt. Diese Dynamik aus Interview und Kapitel, welche eine Art Rückblende darstellen, sorgen dafür, dass sich der Film trotz Lauflänge von 146 Minuten nicht zu träge anfühlt.
Keine stumpfe Schwarz-Weiß-Zeichnung, aber …
Der Magier im Kreml kritisiert zwar die Methoden von Putins Aufstieg, wie Lügen zur Wahrheit gemacht und Feinde skrupellos beseitigt werden, verkommt dabei aber nicht zu einer der Produktionen wie Red Dawn (1984), welche den Westen als moralisch überlegen und integer gegenüber der russischen Föderation darstellen. Klar, wir im Westen haben unsere Wahlen, unser Recht auf freie Meinungsäußerung etc., aber in der Außendarstellung agieren westliche Staaten auch nicht immer moralisch integer (Ein Beispiel des Films sind das Handeln der US-Streitkräfte im Irak), was von Paul Danos Charakter immer wieder als Argument nutzt, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist.
Damit versucht Der Magier im Kreml es, sich auf keine Seite zu stellen und will vielmehr die scheinbar konsequenzenlose Macht der Supermächte an sich kritisieren. Aber hierfür hätte auch der Fall Edward Snowden thematisiert werden müssen. Denn der ehemalige NSA-Mitarbeiter hat perfekt aufgezeichnet, dass die USA eine Totalüberwachung aller Menschen propagieren und sah als einzige Fluchtmöglichkeit Russland. Und auch, wenn das Thema Snowden ein Tabuthema in den USA ist, weshalb der Film Snowden mit von Deutschland produziert wurde, hätte Der Magier im Kreml den Whistleblower thematisieren müssen, um die eigene vermeintliche Neutralität zu untermauern.
Kreml-Elite vereint
Quentin Tarantinos gehässig negativen Worte gegenüber Paul Dano sind vollkommen unverständlich und werfen zudem ein negatives Bild auf Hollywoods Kultregisseur. Denn der US-Amerikanische Schauspieler konnte wie schon zuletzt in The Batman oder Die Fabelmans überzeugen, geht aber in Der Magier im Kreml in der Rolle des Architekten von Putins Aufstieg noch einmal besser auf. Er bewegt sich schier unscheinbar in den Schatten und will nicht auffallen, wodurch er auf eine gewollte Art neben Jeffrey Wright und Alicia Vikander weniger aufzufallen scheint.
Das Highlight von Der Magier im Kreml ist jedoch Jude Law als Vladimir Putin. Der britische Schauspieler verkörpert den russischen Machthaber nicht nur treffend, sondern stellt auch glaubhaft dar, wie der anfangs unsichere Bürokrat mit der Zeit auch außerhalb von KGB und Militär immer selbstbewusster wird und sich damit immer größere Ziele setzt. Zudem ist die Maske von Jude Law teils so treffend, dass sich dieser vereinzelt optisch kaum von dem echten Putin unterscheidet.
Ein Augenschmaus
Generell ist Der Magier im Kreml optisch ansehnlich und weiß von sich zu überzeugen. Die Kamera von Yorick Le Saux bietet ein ruhiges Bild und die visuellen Effekte sowie die teils sehr ausladenden sowie prunkvollen Sets passen ins Szenario, wenn sich ein Wettstreit mit rebellischen Oligarchen geliefert wird. Zudem ist die deutsche Synchronfassung präzise und qualitativ überzeugend, auch wenn der O-Ton einen ticken besser sowie glaubhafter ist. Immerhin wurde in beiden Versionen auf den falschen russischen Akzent verzichtet.
Fazit
Der Magier im Kreml wird seiner gleichnamigen Buchvorlage mehr als nur gerecht und kann die Zuschauenden trotz der stolzen Lauflänge von 146 Minuten jederzeit bei Laune halten. Das liegt an der treffenden Mischung aus interessanten Themen, starken Sets sowie einer schauspielerischen Leistung, bei der besonders die von Jude Law in Erinnerung bleibt. Zudem versucht der Film es zu vermeiden, einseitig zu sein, auch, wenn das nicht immer gelingt. Doch wer Politthriller wie die Serie House of Cards mag, wird mit Der Magier im Kreml auf seine Kosten kommen.