Nürnberg ist ein historisches Drama mit biografischen Elementen und wurde von James Vanderbilt (u.a. Drehbuch von White House Down, Independence Day: Wiederkehr, Scream VI) inszeniert. Der Film handelt von den Nürnberger Prozessen nach dem zweiten Weltkrieg und fokussiert sich auf die Geschichte zwischen Hermann Göring (Russell Crowe) und dem Psychiater Douglas Kelley (Rami Malek) sowie den Konflikt im Prozess zwischen dem Reichsmarschall und dem Staatsanwalt Robert H. Jackson (Michael Shannon).
Der Gladiator als Göring
Dass mit Russell Crowe ein Neuseeländer Hermann Göring in Nürnberg verkörpert, ist trotz Starpower des Darstellers ein gewagter Schritt. Zwar wird Russel Crowe in der deutschen Synchronfassung wie gewohnt von Martin Umbach gesprochen, doch im O-Ton spricht der Neuseeländer sich selbst und das auch auf Deutsch. Es ist deutlich herauszuhören, dass der Darsteller sein Bestes versucht, doch es gibt Momente, in denen selbst Muttersprachler genau hinhören müssen, was gesagt wird.
Zudem fällt die Tatsache, dass Russell Crowe kein Muttersprachler ist, spätestens dann auf, wenn Nürnberg die anderen Gefangenen wie Karl Dönitz (Peter Jordan), Rudolf Heß (Andreas Pietschmann) oder Robert Ley (Tom Keune) präsentiert. Da dies alles Muttersprachler sind, ist der Unterschied krass herauszuhören. Es ist nichts, was den Film herabzieht, aber schon negativ ins Auge fallen kann.
Doch, sobald Russell Crowe in Nürnberg anfängt, Englisch zu sprechen, kann der Darsteller glänzen, da eine spürbar starke Präsenz vom Neuseeländer ausgeht, dieser dank Maske eine optische Ähnlichkeit mit Göring hat und die englische Sprache mit deutschen Akzent gerade im Vergleich zur deutschen Sprache selbst perfekt meistert. Zwar hört es sich vereinzelt nach dem klischeebeladenen Hollywoodisierten Akzent an, aber ironischerweise passt dies genau zu Nürnberg.
Wie locker darf es sein
Das Highlight von Nürnberg sind Russell Crowe und Rami Malek, sobald beide Darsteller in einem Raum sind. Dies liegt zwar größtenteils an Crowe selbst, doch die Darsteller sorgen dafür, dass der Handlungsstrang mit Michael Shannon sowie Richard E. Grant trotz Ernsthaftigkeit des Themas nicht so sehr begeistern kann, worduch sich Nürnberg einen Ticken zu sehr zieht. Doch da liegt auch das Problem des Films. Denn die Gespräche zwischen Crowe und Malek wirken kaum wie die Gespräche zwischen Patient und Psychologen, sondern eher wie zwischen zwei Freunden.
Verbunden mit der Tatsache, dass sich Rami Malek, Leo Woodall und die weiteren amerikanischen Protagonisten durchgehend Oneliner an den Kopf werfen, wirkt Nürnberg nicht wie ein historisches Drama, welches einem der wichtigsten Gerichtsprozesse der Menschheit gerecht werden will, sondern eben wie die bisherige Arbeit des Regisseurs und erinnert im Tenor eher an Captain America: The First Avenger.
Einseitige Tränendrüse
Doch dann gibt es die Momente, in denen Nürnberg unvorbereitet den Tenor wechselt und sich ernsthaft geben will. Dabei nutzt der Film auch echte Videoaufnahmen aus Konzentrationslagern, welche in den wirklichen Prozessen gezeigt wurden. Doch trotz der Wichtigkeit, diese Bilder zu zeigen, wirkt die Szene unpassend und wie aus einem Willen zum Triggern. Dafür gibt sich Nürnberg im Rest seiner Handlung zu locker und kumpelhaft mit den Nazi-Verbrechern. Der Film Die Fotografin von 2023 ist mit dem Holocaust als Thema deutlich sensibler umgegangen.
Hinzu kommt, dass Nürnberg die Perspektive der Franzosen sowie der Sowjetunion gezielt auslässt. Zwar wird erwähnt, wie wichtig es ist, die Sowjets auf der eigenen Seite zu haben, aber ein Wortwechsel oder vorlegen eigener Fakten darf bei beiden Fraktionen nicht stattfinden, weshalb Ausschwitz nicht gezeigt, sondern nur namentlich erwähnt wird, damit der Charakter von Leo Woodall plump auf die Tränendrüse des Publikums drücken darf. Selbst die Briten dürfen nur als Gentlemen-Retter in der Not auftreten.
Fazit
Nürnberg hat mit der Prämisse, dem Trailer, gezeigten Videos, da der Film in den Staaten deutlich früher startete und Russell Crowe als Göring Interesse wecken können, hat daraus aber anschließend zu wenig gemacht. Politisch wirkt der Film trotz Kritik am eigenen Land zu sehr nach Selbstinszenierung der USA und verschweigt das Leid der restlichen Alliierten im zweiten Weltkrieg. Zudem ist der lockere Tenor, der an Marvel und Sommerblockbuster erinnert für solch ein historisches Event wie die Nürnberger Prozesse unpassend.
Nürnberg ist die Drehbuchhistorie des Regisseurs James Vanderbilt anzumerken und auch, wenn scheinbar unbeteiligte Parteien wie die katholische Kirche angeprangert werden und der Film in solchen Momenten kurzzeitig seinen Bildungsauftrag erfüllen kann, kann Nürnberg bei weitem nicht mit anderen Filmen über die Verbrechen des dritten Reichs mithalten. Wer Russell Crowe mal wieder in einer starken Rolle sehen will, kann einen Blick wagen, sollte aber nicht mit zu hoher Erwartung an Nürnberg herangehen.