Aktuell sorgt der französische Regisseur Sébastien Vaniček mit seinem diese Woche erscheinenden Evil Dead Burn bei Horrorfans für Hoffnung sowie Vorfreude, konnte aber bereits im Jahr 2023 – in Deutschland erst 2024 – mit seinem Spinnenhorrorfilm Spiders – Ihr Biss ist der Tod überzeugen. Gleichzeitig erinnerte der Film mit seinem Szenario in einem heruntergekommenen Wohnhaus, aus dem es für die Protagonisten scheinbar kein Entkommen gibt, an den 2023er Evil Dead Rise von Lee Cronin und konnte sogar den Horrorpapst Stephen King begeistern.
Kaleb (Théo Christine) geht auf die 30 zu und lebt mit seiner Schwester Manon (Lisa Nyarko) in einem heruntergekommenen Sozialbau im Pariser Vorort. Während Kaleb mit seinem Freund Mathys (Jérôme Niel) Schuhe verkauft, sammelt er leidenschaftlich seltene Insekten. Doch als er eines Tages eine ihm unbekannte Spinne erwirbt, kann diese bei ihm zuhause ausbrechen und versteckt sich. Rasend schnell vermehrt sich das achtbeinige Tier, sorgt für immer größere sowie tödlichere Nachkommen sowie einen Lockdown, welcher für die Bewohner des Hauses einem Todesurteil gleichzusetzen ist.
Horror in den eigenen vier Wänden
Spiders – Ihr Biss ist der Tod spielt fast ausschließlich im Wohnhaus im Pariser Banlieue, weiß das Szenario aber treffend für sich zu nutzen. Wohnungen unterscheiden sich voneinander und spiegeln die Persönlichkeit der Charaktere wieder, wodurch sich diese, aber auch die Umgebung realistischer und nicht nur wie ein Filmcharakter oder -set anfühlen. Zudem nutzt Sébastien Vaniček die heruntergekommene Umgebung für den Spinnenhorror vollkommen aus und lässt eingefleischte Fans gerade zu Beginn des Films rätseln, welche Ecke früher oder später eine giftige Todesfalle wird. Damit verwandelt sich Spiders – Ihr Biss ist der Tod nicht nur für Arachnophobiker in eine spannungsgeladene Horrorshow.
In Spiders – Ihr Biss ist der Tod wird zwar auch auf Jumpscares gesetzt, diese machen aber nicht den Großteil des Horrors aus und werden vielmehr in einer angenehmen Mischung neben Horrer, welcher sich aus Suspense aufbaut sowie eine Bedrohung durch die schiere Macht der Spinnen aufgebaut. Wenn die Achtbeiner in Lüftungsschächten oder hohlen Wänden krabbeln und dabei von den äußerst kreativen sowie erfrischenden Kamerafahrten von Alexandre Jamin verfolgt werden, spüren die Rezipienten, wie sich ihnen die Nackenhaare aufstellen.
Spiders might be Monsters, but ALL COLORS ARE BEAUTIFUL
Daneben gelingt Spiders – Ihr Biss ist der Tod der Sprung der Gesellschaftskritik, woran viele Genrekollegen zumeist scheitern. Denn der Lockdown, welcher durch die schwer bewaffnete Polizei, die in ihren für Demonstrationen typischen Rüstungen anrückt, durchgesetzt wird ist nicht nur Stilmittel für den Horror. Vielmehr zeigt der Film durch das unnötig brutale Vorgehen der Einsatzkräfte, wie egal sozial schwache Menschen der herrschenden Klasse sind. Denn wer in einem Sozialbau lebt, wird schnell und zu oft mit Sozialleistungen und damit ausschließlich als Kostenfaktor assoziiert.
Dabei zeigt Spiders – Ihr Biss ist der Tod gerade bei Kaleb, Mathys, Toumani (Ike Zacsongo) oder auch dem vorverurteilenden Nachbarn Gilles (Emmanuel Bonami) den rauen Ton, welcher in diesen Gegenden herrschen kann, ohne jedoch wie rechte Parteien oder Medien in Hetze oder Stigmatisierung zu verfallen. Denn dieser raue Ton ist wie ein Schutz, ein harter Kern für die Außenwelt, welcher aber jederzeit abgelegt werden kann, was Kalebs liebevoller Umgang mit der Nachbarin Claudia (Marie-Philomène Nga) zeigt.
Bitte mehr davon
Die Gesellschaftskritik und die Charakterdarstellung von Spiders – Ihr Biss ist der Tod wirken gerade erst dank dem Schauspiel der Darstellenden genauso, wie sie wirken sollen. Konflikte wirken nicht aufgesetzt, Einzelschicksale interessieren das Publikum und selbst Nebencharaktere wie Marie-Philomène Nga oder die Hausmeisterin gespielt von Xing Xing Cheng fühlen sich nicht nur wie bloßes Beiwerk sowie Wegwerfcharaktere und Mordopfer für die Spinnen, sondern wie ein echter Teil des Hauses an.
Doch am Meisten überzeugt hier die Verbindung zwischen Mathys, Kaleb, dessen Schwester sowie Kalebs ehemals besten Freund Jordy (Finnegan Oldfield). Zusammen mit Jordys Freundin Lila (Sofia Lesaffre) stellen sie die Protagonisten dar, welche nicht nur der immer größer werdenden Schar an Spinnen entkommen, sondern auch ihre eigenen Differenzen sowie interne Hürden überwinden müssen. Wir sehen die Charaktere realistisch interagieren und an sich wachsen. Es findet eine glaubhafte und für Horrorfilme zu seltene Charakterentwicklung statt.
Von Tiefen, Höhen und wieder Tiefen
Der Score von Xavier Caux und Douglas Cavanna trägt zwar zur Spannung bei, plätschert aber nebenbei her und sorgt nicht für einen Wiedererkennungswert beim Publikum. Doch das stört nicht, da Spiders – Ihr Biss ist der Tod dennoch musikalisch dank einer Musikauswahl wie Propagande von Mohand Baha, God Bless von Hamza und Damso sowie weiteren Liedern überzeugen kann. Die Songs sorgen nicht nur für Kopfnickermomente und Ohrwürmer, sondern setzen auch den rauen Tenor von Spiders – Ihr Biss ist der Tod.
Unverständnis löst jedoch der deutsche Titel Spiders – Ihr Biss ist der Tod aus. Dieser ist mit seinem Untertitel nicht nur klobig, sondern unterscheidet sich auch vom englischsprachigen Titel Infested oder gar dem französischen Originaltitel Vermines. Oft liegt der andere deutsche Titel ja an Lizenzen oder der Angst deutscher Verleihe, dass die Originaltitel sich schlecht vermarkten ließen. Aber sowohl der englische, als auch der französische Originaltitel gehen im Fall von Spiders – Ihr Biss ist der Tod deutlich besser von der Zunge und prägen sich auch besser ein.
Fazit
Spiders – Ihr Biss ist der Tod ist nicht nur für Arachnophobiker ein Schocker durch und durch, sondern kann dank einer Mischung aus Suspense, Jumpscares sowie einer treffenden Gesellschaftskritik überzeugen. Zudem fühlen sich die Charaktere greifbar realistisch an und deren Schicksal liegt dem Publikum am Herzen, wodurch sich der Film trotz Lauflänge von 106 Minuten nicht zu sehr zieht. Und auch, wenn diese Spinne fiktiv ist, fühlt sich die Home-Invasion von Spiders – Ihr Biss ist der Tod greifbar gruseliger, als diese von Evil Dead Rise an. Ein Blick lohnt sich für Horrorfans allemal und wer Sébastien Vaničeks Spinnenhorror mochte kann sich hoffentlich schon auf seinen Evil Dead Burn freuen.