Der Tiger ist der neueste Film des deutschen Regisseurs Dennis Gansel, welcher für Filme wie Die Welle oder Napola – Elite für den Führer bekannt ist und wurde mit Amazon Prime produziert. Damit ist der Film wie eine Premiere, da Amazon bisher kaum große deutsche Projekte abseits von Serien wie LOL: Last One Laughing oder Die Discounter realisiert hat. Der Tiger erinnert an die Grundidee von David Ayers Herz aus Stahl, welcher im O-Ton Fury heißt, versteht sich als Antikriegsfilm und damit als Bruder im Geiste von Netflix Im Westen nichts Neues (2022).
Denns Gansels Film erinnert zwar an Herz aus Stahl, aber der Regisseur soll seine Idee laut eigener Aussage früher gehabt haben. In diesem geht es um die Panzerbesatzung bestehend aus Leutnant Philip Gerkens (David Schütter), Christian Weller (Laurence Rupp), Helmut (Leonard Kunz), Keilig (Sebastian Urzendowsky) und Michel (Yoran Leicher). Diese bekommt einen Geheimauftrag, soll mit ihren Panzer hinter die sowjetischen Linien durchbrechen und Oberst Paul von Hardenburg (Tilma Strauss) retten.
Der deutsche Fury, oder ernsthaft besser?
„Nur die Toten haben das Ende des Kriegs gesehen“. Mit diesen Worten beginnt Der Tiger, wodurch der Film gleich den Tenor des Antikriegsfilms setzen will. Und obwohl es sich um eine Panzerbesatzung der Wehrmacht handelt, ist die Crew durch ihre Einzelschicksale, die Tatsache der Wehrpflicht und teils ziemlich linke Positionen für das Publikum nahbar. Momente, in denen Richtschütze Weller seine Arbeit auf dem Weingut vermisst, oder diese, in denen der junge Michel auf einem Minenfeld in Gefahr schwebt, reißen mit und sorgen für echte Spannung.
Diese Spannung funktioniert zudem dank dem herausragenden Schauspiel der Darstellenden von Der Tiger. Die Performance ist nicht nur für deutsche Charakterdarstellung durch die Bank stark und lässt auf mehr Stärken wie diese hoffen. Das Highlight ist der Panzerkommandant Gerkens (David Schütter), welcher schon in der Gangsterserie 4 Blocks von sich überzeugen konnte. Mit etwas Glück und der richtigen Wahl an Filmen könnte David Schütter der neue Stern am deutschen Schauspielfilm werden.
Damit Der Tiger als Antikriegsfilm aus deutscher Perspektive funktioniert, setzt Regisseur Dennis Gansel auf Szenen, welche behutsam umgesetzt werden mussten. Denn der Film zeigt die Besatzung im ersten Blick unpolitisch, konfrontiert Diese aber immer wieder mit den deutschen Kriegsverbrechen and der Ostfront, welche sowohl von Wehrmacht, als auch Waffen-SS begangen wurden. Wichtig ist hier vor allem eine sogenannte Säuberungsaktion unter Kommando des SS-Leutnants Krebs (André Hennicke) welcher fantastisch spielt und sowohl Zuschauenden als auch der Panzerbesatzung einen Heidenschreck einjagt. Dass letzte zwar angewidert sind, aber nicht eingreifen ist leider bittere Realität.

Make it bigger, or…
Da der letzte intakte Tigerpanzer im Englischen Panzermuseum in Bovington steht (dieser war in Herz aus Stahl als Antagonist zu sehen), setzt Der Tiger auf einen Nachbau des Panzerkampfwagens VI. Zeitgleich nutzt das Team des Films die Gelegenheit, den Panzer um die acht Prozent größer als die Vorlage zu bauen, wodurch die Crew sich mit der Kamera im Panzer freier bewegen kann, ohne dass der Panzer nicht mehr beklemmend, oder gar zu groß wirkt. Dadurch bleibt die Stimmung sowie Glaubwürdigkeit der zusammengepferchten Panzercrew erhalten und selbst, wenn der Panzer verlassen wird, bietet dieser in unmittelbarer Nähe das trügerische Gefühl des sicheren Hafens.
Diese beklemmende Atmosphäre profitiert zudem von den fantastischen Bildern, den Innen- und Außenaufnahmen des Kameramanns Carlo Jelavic. Die Nahaufnahmen, Panzergefechte und selbst solche Wegwerfbilder wie das Drehen eines Panzerturmes erzeugen so viel Wirkung, Bedrohung und Dringlichkeit, wie man sie in Hollywood nur selten bekommt. Carlo Jelavics Bilder sind essentieller Bestandteil der Unterhaltung von Der Tiger und der Name des Kameramanns sollte sich definitiv gemerkt werden.

…make it smaller?
All diese positiven Dinge von Der Tiger wirken nochmal so viel imposanter, wenn bedacht wird, dass der Film wie Backrooms gerade mal ein Budget von 10 Millionen Dollar hatte und damit nicht mal ansatzweise das Budget vergleichsweiser Hollywoodblockbuster erreicht. Selbst der Film Herz aus Stahl von 2014 hatte schon ein Budget von 68 Millionen Dollar, was selbst heutzutage in Amerikas Traumfabrik ein überschaubares Budget ist. Und auch mit einer Drehzeit von 36 Tagen ist Der Tiger schnell abgedreht. Der Film könnte damit ein Vorbild für kostengünstige, aber kreative Ambitionen sein.
Der Drehort dürfte auch ein Grund für den kleinen Kostenfaktor von Der Tiger sein. Gedreht wurde auf einem ehemaligen sowjetischen Truppenübungsplatz in Tschechien und da auch nur auf einer Größe von einem Quadratkilometer. Trotz der klein wirkenden Fläche ist das Gelände facettenreich und keine Szene ist zweimal erkennbar. Eine der größten Herausforderungen war hier jedoch, das Gelände von Munition zu räumen. Des Weiteren sollten Szenen für Der Tiger ursprünglich in der Ukraine gedreht werden, was aufgrund des Krieges nicht mehr möglich war.

Fazit
Der Tiger ist wie schon Im Westen nichts Neues von 2022 der Beweis, dass nicht jeder deutsche Kriegsfilm nach demselben vorhersehbaren und drögen Schema verlaufen muss. Dennis Gansels Film Thematisiert Gefühle, die Schuld durch Kriegsverbrechen, Kameradschaft und Freude so stark, dass Zuschauende immer wieder vergessen, dass es sich um eine deutsche Produktion handelt. Vielleicht hilft es dem Film auch, dass dieser keine Filmförderung bekam. Maximal das Ende von Der Tiger sorgt für Diskussionen und spaltet die Fans.